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  Markenartikel und Massengräber

Robert C. Koehler

 

Billige Kleidung!

Ihre Kosten, so stellt sich heraus, liegen jenseits der Berechenbarkeit.

„Babul Mia sagte, dass er seine Frau Miriam Begum, 25, identifiziert hat, die offensichtlich bis zur Unkenntlichkeit verbrannt war, aber er konnte ihre Armreifen und ihre kleinen Zähne identifizieren,“ berichtete die größte englischsprachige Zeitung von Bangladesh, The Daily Star. 

„Zahera Begum, die ebenfalls im fünften Stock von Tazreen Fashions arbeitete, wurde von ihrem Ehemann Iqramul aufgrund ihres Nasenrings, der Armreifen und des Halsbandes identifiziert.“

Ein Brand fegte also am 24. November durch einen Ausbeuterbetrieb in Bangladesh und tötete zumindest 112 Menschen, von denen fast die Hälfte nicht mehr identifiziert werden konnte und in einem Massengrab bestattet wurde. Der Ausbeuterbetrieb, der Markenbekleidung herstellte für große Handelskonzerne wie Walmart und Sears, wurde als Todesfalle beschrieben: es fehlten funktionierende Feuerlöscher und Fluchtwege, eines der Ausgangstore war versperrt, und, ja auch das noch, als der Feueralarm losging, wiesen die Bosse alle an, zurück zu ihren Nähmaschinen zu gehen.

„Hätte es wenigstens einen Notausgang aus dem Fabriksgebäude gegeben, wäre die Zahl der Toten viel niedriger gewesen,“ sagte der örtlich zuständige Feuerwehrdirektor.

Der Brand – nur der jüngste derartige Horror in einem Ausbeuterbetrieb in Bangladesh oder einem anderen Land der Dritten Welt – glich auf unheimliche Weise dem berühmten Brand von Triangle Shirtwaist in der New Yorker Lower East Side vor einem Jahrhundert, einem herausragenden Ereignis in der Gewerkschaftsbewegung, welches größere Änderungen bei den Arbeitsbedingungen im ganzen Land auslöste. Damals waren auch Arbeiter gefangen durch versperrte Ausgangstüren – 146 von ihnen starben am 25. März 1911.

Interessanterweise sah ich nicht, dass dieser naheliegende Vergleich in der Berichterstattung über den Brand in Bangladesh in den meisten großen Medien angestellt worden wäre, vielleicht deshalb, wie Robert Oak es im Economic Populist ausdrückte, „weil wir unsere Geschichte der Ausbeutung von Arbeitern entsorgt haben und selbst einen Mangel an sicheren Arbeitsbedingungen haben, der Hand in Hand mit dem Verlust von amerikanischen Jobs geht.“

Anscheinend ist diese Diskussion noch immer vom Tisch. Wir wollen nicht diese Sache Klassenkampf neu eröffnen oder das globale Wirtschaftssystem zu kritisch unter die Lupe nehmen. Das Problem liegt in Bangladesh, das berüchtigt nachlässig ist in Sachen Sicherheit für die Arbeiter, besonders in der Bekleidungsindustrie, wo 4.000 Fabriken einen Wert von $20 Milliarden an Exportaufkommen produzieren dank einer herzlosen Arbeitsethik, die sich so in den Vereinigten Staaten von Amerika nicht mehr so leicht aufrecht erhalten lässt. 

„Die 25-jährige Arbeiterin sagte, dass, immer wenn der Feueralarm losgeht, die Vorarbeiter sie daran hindern, das Gebäude zu verlassen.“ Das ist wieder der Daily Star, der Textilarbeiter in anderen Betrieben interviewt. „Sie sagen immer, dass es nichts ernstes ist und dass sie es überprüfen werden. Die Aufseher wollen die Produktion nicht einmal für einen Augenblick anhalten.“

„Einige Arbeiter sagen, dass sie manchmal bis zu 24 Stunden durcharbeiten müssen, dass sie aber gezwungen werden, den Käufern zu sagen, dass sie täglich von 08.00 bis 17.00 arbeiten. ‚Wenn ein Arbeiter die Käufer oder ihre Vertreter über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen informiert, wird er entweder entlassen oder muss eine Geldstrafe bezahlen,’ sagte ein Arbeiter.“

Mittlerweile – die Überraschung ist groß – distanzieren sich die großen multinationalen Konzerne, die ihre billigen Waren aus Bangladesh beziehen, von Tazreen Fashions, dem Ausbeuterbetrieb, in dem das Feuer ausgebrochen war.

Der berüchtigt ausbeuterische Walmart, derzeit bedrängt von streikenden Arbeitern in 100 Städten in den Vereinigten Staaten von Amerika, teilte mit, dass man nicht gemeint habe, Textilwaren von diesem besonderen Ausbeuterbetrieb zu kaufen, wegen dessen unsicherer Bedingungen, aber ein Lieferant habe Arbeit dorhin weitervermittelt, ohne die Genehmigung der Firma. 

Am Montag gab Walmart bekannt, man habe diesen Lieferanten geschasst, und: „Die Tatsache, dass es dazu gekommen ist, beunruhigt uns sehr, und wir werden weiterhin quer durch die Bekleidungsindustrie daran arbeiten, die Brandsicherheitserziehung und Brandschutzausbildung in Bangladesh zu verbessern.

Anders gesagt, hier ist hauptsächlich die Ignoranz der Dritten Welt am Werk. Bangladeshs Fabrikbetreiber müssen lernen, ihren Vorarbeitern zu sagen, dass, wenn der Brandalarm losgeht, den Arbeitern erlaubt werden soll, das Gebäude zu verlassen, und vielleicht sollten die Ausgangstüren nicht versperrt sein, und, wenn wir schon dabei sind, lassen wir sie Gewerkschaften organisieren und bezahlen wir ihnen mehr als 3.000 Takas ($38) im Monat. Nein, halt, streich diese beiden letzten Punkte.

In der Tat steht Walmart und anderen Multis eine ganze Welt voller billiger Arbeitskräfte zur Verfügung, die sie ausbeuten können, und sie lassen viel eher einen Lieferanten in der Patsche sitzen oder schreiben ein ganzes Land ab, wenn sie ihre Waren nicht spottbillig kriegen können – wenn die Löhne steigen, wenn lästige Regierungsbestimmungen beginnen, von den Firmen die Einführung humaner Arbeitsbedingungen zu verlangen. Es ist ein erbarmungsloser Profitdruck, der die Arbeiterhölle in Bangladesh und anderswo geschaffen hat, und dieser wird garantiert zu weiteren Bränden und grotesken Opferzahlen in den kommenden Monaten und Jahren führen. 

„Walmart trägt eine enorme Schuld,“ sagte Scott Nova, Direktor des Workers Right Consortium (Arbeitsgemeinschaft für Arbeiterrechte) Josh Eidelson von The Nation. Als größte Käufer von Bangladesh „bestimmen sie den Markt.“

Das Problem ist nicht so sehr die skrupelose Unmenschlichkeit von WalMart-Vorständen, als viel mehr ein Wirtschaftssystem in der Knechtschaft des Profits. David Korten schrieb: „der einzige gültige Zweck der Wirtschaft ist Leben zu retten.“ Wir sind gefangen in einer pervertierten Version, in einem Wirtschaftssystem, das dem Mangel, der Gleichgültigkeit und unserem eigenen Untergang dient. Aber wir können billig Markenartikel kaufen.

 
     
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