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"Entweder verhindert die Revolution den Krieg oder der Krieg wird die Revolution bringen" - Mao Tsetung

     
  Die Geister vermeintlich vergangener Zeiten werden immer lebendiger:  
     
 

Russlands rote Linien

Die Debatte um den Drohnenanschlag am Leipziger Flughafen wirft erneut die Frage nach Russlands roten Linien im Ukraine-Krieg auf.

German Foreign Policy

 

MOSKAU/BERLIN/LONDON (Eigener Bericht) – Die Debatte um den Drohnenanschlag am Leipziger Flughafen wirft zum wiederholten Mal die Frage nach Russlands roten Linien im Ukraine-Krieg auf. Moskau hat in den vergangenen Jahren immer wieder gewarnt, überschritten die westlichen Staaten seine roten Linien – so zum Beispiel mit der Lieferung weitreichender Raketen an die Ukraine, mit der die ukrainischen Streitkräfte Ziele weit im russischen Hinterland angreifen können –, dann behalte es sich Reaktionen vor. Inzwischen wird das russische Kernland mit weitreichenden Drohnen aus britischer Produktion angegriffen; derartige Drohnen werden, explizit für den Export in die Ukraine, auch in der Bundesrepublik hergestellt. Ein russischer Regierungsberater bestätigte kürzlich, es könne „früher oder später“ eine „nicht nur verbale, sondern vielleicht auch sichtbare Reaktion“ darauf geben. Auch Cyberangriffe oder „halbmilitärische Schritte“ seien denkbar. Die Ziele können dabei auch asymmetrisch gewählt werden. Sollte sich bestätigen, dass die Täter in Leipzig in Kontakt mit russischen Stellen standen, dann könnte der Anschlag eine Reaktion Russlands auf das Überschreiten seiner roten Linien sein. Deutschland stünde ein Stück weiter im Krieg.

 

Immer weiter ausgetestet

 

Die Frage, wo Russlands rote Linien liegen und was geschieht, wenn man sie überschreitet, begleitet die westlichen Staaten seit Beginn des Ukraine-Kriegs. Zunächst war unklar, wie die russische Regierung reagieren würde, wenn der Westen der Ukraine Kampfpanzer, Raketen kürzerer Reichweite oder auch Kampfjets lieferte. Die Vereinigten Staaten begannen bald, das auszutesten. Im Juni 2023 konstatierte die Washington Post, die USA hätten nach und nach HIMARS-Mehrfachraketenwerfer – plus Raketen mit zunehmender Reichweite –, Abrams-Kampfpanzer, dann auch Helikopter geliefert und nun entschieden, es auch mit Kampfjets der vierten Generation vom Typ F-16 zu versuchen. Bislang habe Moskau alles hingenommen; das verleite zu der Annahme, dass dem auch weiterhin so sei. Experten warnten aber, Risiken bestünden unverändert und bei jedem neuen Schritt. „Das Problem ist, dass wir die wirkliche rote Linie nicht kennen“, erläuterte damals Maxim Samorukov vom Carnegie Endowment for International Peace; zudem könne sie sich „von Tag zu Tag ändern“.[1] Alexander Gabuev vom Berliner Carnegie Russia Eurasia Center bestätigte dies: „Bestimmte rote Linien existieren“; weil man nicht sicher wisse, „wo sie sind“, entstünden Risiken.

 

„Direkte Kriegsbeteiligung“

 

Eine bedeutende Rolle in der Debatte um Russlands rote Linien spielen seit Jahren Waffen mit großer Reichweite, die geeignet sind, Ziele in Moskau bzw. weit im russischen Hinterland zu treffen. Mitte September 2024 erklärte Präsident Wladimir Putin, sollten westliche Länder der Ukraine weitreichende Raketen liefern, dann werde Moskau das als „direkte Beteiligung“ von NATO-Staaten am Krieg werten – und zwar, weil solche Raketen bloß mit westlichen Satellitendaten und mit Steuerungshilfe westlicher Militärs eingesetzt werden könnten. Dürfe Kiew sie nutzen, dann werde das „die Natur des Konflikts wesentlich verändern“, erklärte Putin.[2] Hardliner im Westen drangen darauf, seine Äußerungen zu ignorieren, und urteilten, es handle sich dabei lediglich um einen Bluff; man dürfe vor der Lieferung weitreichender Raketen nicht zurückschrecken.[3] Großbritannien und Frankreich hatten schon im Jahr 2023 Raketen des Typs Storm Shadow bzw. Scalp in der Exportvariante mit einer Reichweite von bis zu 290 Kilometern geliefert, deren Einsatz gegen Ziele im russischen Kernland jedoch untersagt; erlaubt wurden nur Angriffe auf Ziele etwa auf der Krim. Großbritannien gestattete Ende 2024 erstmals Angriffe auf Ziele auf unstrittig russischem Territorium – zunächst im Gebiet Kursk.[4]

 

„In den Krieg hineingezogen“

 

Aktuell stehen insbesondere weitreichende Drohnen im Mittelpunkt der Debatte. Mit ihnen ist es der Ukraine in den vergangenen Wochen gelungen, Russland empfindliche Schäden zuzufügen: mit Angriffen etwa auf Erdölraffinerien, auf Flugplätze und auf Warenlager von Onlinehändlern, alles weit im russischen Hinterland. Nachweislich eingesetzt wurden dabei weitreichende Drohnen aus britischer Produktion, mit denen etwa Erdölraffinerien in Wolgograd und in Jaroslawl angegriffen wurden, rund 340 respektive rund 700 Kilometer von der Grenze entfernt.[5] Die Sunday Times hielt trocken fest: „Militäranalysten und Experten haben erklärt, Russland könne britische Hersteller ins Visier nehmen“; schließlich hätten sie die ukrainische Offensive mit der Lieferung der Drohnen unterstützt.[6] Erst im April hatte Moskau seine Warnungen bekräftigt und mit Blick darauf, dass ukrainische Drohnenproduzenten begonnen haben, weitreichende Drohnen in neuen Joint Ventures im westeuropäischen Ausland zu fertigen, mitgeteilt, man werte dies als „vorsätzlichen Schritt“ zur Unterstützung von Angriffen auf russisches Territorium; Westeuropa werde damit „in einen Krieg mit Russland hineingezogen“. Weitreichende ukrainische Drohnen werden auch in Deutschland produziert.[7]

 

Schiffe gekapert

 

Weitere Attacken gegen Russland treiben die Staaten Westeuropas und zuletzt auch die EU bei ihrem Vorgehen gegen russische Handelsschiffe voran, die, weil sie nicht mehr im Westen versichert werden und nicht mehr in Häfen der europäischen NATO-Staaten anlegen dürfen, als „Schattenflotte“ gebrandmarkt werden. Ihnen steht zwar – wie allen anderen Schiffen weltweit – laut gültigem Seerecht die freie Fahrt auf den Weltmeeren inklusive Meerengen zu (german-foreign-policy.com berichtete [8]). Vor allem Frankreich, Großbritannien, Schweden und Deutschland sowie jüngst auch die EU haben dennoch begonnen, sie unter Vorwänden zu entern und zumindest eine Zeitlang festzusetzen. Im Juni etwa enterten britische Soldaten einen russischen Tanker, als dieser gerade den Ärmelkanal durchquerte.[9] In London heißt es zwar, man habe eine juristische Legitimation dafür gefunden. Moskau beharrt aber darauf, es handle sich laut Seerecht um Piraterie. Es reagierte daher, indem es im Juli ein Seemanöver mit scharfem Schuss 40 Seemeilen südlich von Plymouth abhielt.[10] Das Seerecht lässt dies zu. Am Dienstag wurde berichtet, dass Kriegsschiffe der EU-Operation Irini einen russischen Tanker im Mittelmeer gekapert hätten. Das sei, so hieß es, zum inzwischen bereits sechsten Mal geschehen.[11]

 

„Halbmilitärische Schritte“ möglich

 

Zugespitzt hat sich die Lage zuletzt, als Großbritanniens Premierminister Andy Burnham Ende August ankündigte, Großbritannien werde der Ukraine die Konstruktionsdaten für die Storm Shadow-Raketen aushändigen, damit sie die Waffe eigenständig herstellen könne. Russlands Präsidialamtssprecher Dmitri Peskov bestätigte daraufhin, nach russischer Rechtsauffassung sei das Vereinigte Königreich damit „am Krieg beteiligt“.[12] Ein Berater der russischen Regierung, Andrei Fedorov, erläuterte, „früher oder später“ könne es nun eine „nicht nur verbale, sondern vielleicht auch sichtbare Reaktion“ Russlands geben. Wie sie aussehen könne, werde diskutiert. Im Gespräch seien Cyberangriffe, ausgeführt freilich von nicht offiziell der Regierung zuzurechnenden Hackern. Denkbar seien natürlich auch politische Antworten. „Ich kann nicht zu hundert Prozent ausschließen“, erklärte Fedorov weiter, „dass es auch halbmilitärische Schritte geben könnte“.[13] So könne vielleicht etwas „mit den Fabriken“ geschehen, die in Westeuropa „Drohnen für die Ukraine herstellen“. Möglich sind allerdings auch asymmetrische Antworten, die die westlichen Staaten an einer anderen Stelle treffen, um das Überschreiten von Russlands roten Linien zu vergelten.

 

Gewalt und Gegengewalt

 

Sollte sich bestätigen, dass die Täter des Anschlags am Leipziger Flughafen Verbindung zu russischen Stellen haben – nachvollziehbar belegt ist dies bislang nicht –, dann könnte es sich bei dem Anschlag tatsächlich um einen Teil der Antwort Moskaus auf das Überschreiten von Russlands roten Linien handeln. Weitere russische Gegenschläge könnten kommen, vorerst noch unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Angriffs von russischem auf deutsches – britisches, französisches oder anderes europäisches – Territorium. Die Spirale aus Gewalt und Gegengewalt begänne sich weiter in die Höhe zu schrauben.

 

Nicht zum ersten Mal

 

Die Entwicklung ist nicht neu. Im Herbst 2021 hatte Russlands Präsident Wladimir Putin der NATO vorgeschlagen, einem Beitritt der Ukraine zu dem Militärbündnis – dabei handelte es sich um eine von Russlands roten Linien – schriftlich eine Absage zu erteilen. Das sei seine Vorbedingung dafür, auf die Invasion in die Ukraine zu verzichten.[14] Der damalige NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bestätigte den Vorgang im September 2023 vor Mitgliedern des Europaparlaments. Demnach bestand 2021 die Chance, das Überschreiten einer roten Linie Russlands zu vermeiden, in eine Phase ernsthafter Diplomatie einzutreten und letztlich den Ukraine-Krieg zu verhindern. Die westlichen Staaten lehnten dies ab; Stoltenberg berichtete 2023: „Natürlich haben wir das nicht unterzeichnet.“[15] Die Folgen sind bekannt. Sie könnten sich bei fortgesetzter Missachtung von Russlands roten Linien schon in naher Zukunft wiederholen.

 

* * * * *

[1] John Hudson, Dan Lamothe: Biden shows growing appetite to cross Putin’s red lines. washingtonpost.com 01.06.2023.

[2] Steve Rosenberg: Putin draws new red line on long-range missiles. bbc.co.uk 13.09.2024.

[3] Walter Clemens: Why Putin’s Latest Red Line Won’t be Followed Through. cepa.org 25.09.2024.

[4] Jonathan Beale, Amy Walker: Ukraine fires UK-supplied Storm Shadow missiles at Russia for first time. bbc.co.uk 20.11.2024.

[5] Nyan One-Way Effector. drone-warfare.com 17.08.2026.

[6] Dominic Hauschild, Vika Sybir: UK drones used for ‘deep strikes’ in mainland Russia for first time. thetimes.com 15.08.2026. S. auch Der Weg in den Abgrund.

[7] S. dazu Langstreckendrohnen für die Ukraine.

[8] S. dazu Piraterie in der OstseePiraterie in der Ostsee (II) und Piraterie in der Ostsee (III).

[9] Ben Clatworthy, Larisa Brown, Emma Yeomans: UK seizure of Russian shadow fleet vessel ‘just the beginning’. thetimes.com 14.06.2026.

[10] Charlie Parker, Marc Bennetts: Russian warship fires live weaponry close to UK coast. thetimes.com 21.07.2026.

[11] Nathan Rennolds: EU stoppt mutmaßlichen Schattenflotten-Tanker im Mittelmeer. de.euronews.com 01.09.2026.

[12], [13] Kremlin adviser warns UK drone factories could face attacks. aljazeera.com 25.08.2026.

[14], [15] Opening remarks by NATO Secretary General Jens Stoltenberg at the joint meeting of the European Parliament’s Committee on Foreign Affairs (AFET) and the Subcommittee on Security and Defence (SEDE) followed by an exchange of views with Members of the European Parliament. nato.int 07.09.2023.

 
     
  erschienen am 3. September 2026 auf > GERMAN-FOREIGN-POLICY > Artikel  
  Archiv > Artikel von German-Foreign-Policy auf antikrieg.com  
  Herzlichen Dank den Kollegen von German-Foreign-Policy für die freundliche Überlassung des Artikels!  
     
   
     
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