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Weg nach Kaliningrad: Die NATO ignoriert nukleare
Bedrohung Während es immer näher an die russische Exklave an der Ostsee heranrückt, unterschätzt das Bündnis weiterhin Moskaus rote Linien. Anatol Lieven
Während des Kalten Krieges galt die Exklave West-Berlin, isoliert inmitten der kommunistischen DDR, als einer der gefährlichsten potenziellen Brennpunkte für einen Konflikt zwischen der Sowjetunion und dem Westen. Tatsächlich hätte die von Josef Stalin 1948/49 verhängte Blockade der Landwege in die Stadt beinahe einen neuen Krieg ausgelöst bis es den USA und Großbritannien gelang, die Bevölkerung aus der Luft zu versorgen. Es ist bedauerlich, wenn auch nicht sonderlich überraschend, dass die westlichen Führungskräfte diese historische Erfahrung nicht bedachten, als sie die NATO auf Polen und Litauen ausweiteten und damit die russische Exklave Kaliningrad (das ehemalige Königsberg in Ostpreußen) hinter NATO-Linien isolierten. Westliche Sicherheitsanalysten bezeichnen heute häufig die Suwalki-Lücke im Nordosten Polens gelegen zwischen Kaliningrad und Russlands Verbündetem Belarus als den gefährlichsten Punkt in der zunehmenden Konfrontation zwischen Russland und der NATO. Dabei verschweigen sie geflissentlich, dass es die NATO war und nicht Russland , die diesen Zustand herbeigeführt hat. Die akute strategische Verwundbarkeit Kaliningrads ist ein wesentlicher Grund dafür, warum die wachsende Sorge, Russland könnte die NATO durch die Besetzung der estnischen Grenzstadt Narva auf die Probe stellen, völlig abwegig ist. Denn eine russische Invasion auf NATO-Gebiet hätte zwangsläufig zur Folge, dass die NATO Kaliningrad zu Lande und zur See blockieren würde. Ein russischer Sicherheitsexperte merkte mir gegenüber an: Glaubt man im Westen ernsthaft, dass Putin oder ein anderer russischer Führungspolitiker riskieren würde, Kaliningrad zu verlieren nur um Narva zu gewinnen , oder dass er einen Atomkrieg vom Zaun brechen würde, um Kaliningrad zu retten? Oder, wie der ehemalige lettische Verteidigungsminister Artis Pabriks undiplomatisch, aber treffend formulierte: Wir sind immer davon ausgegangen, dass Russland im Falle eines solchen Krieges den Suwalki-Korridor abriegeln würde. Doch wir ziehen kaum die Möglichkeit in Betracht, dass [Kaliningrad] im Falle eines russischen Angriffs als Erstes [von NATO-Streitkräften] überrannt werden könnte. Und dann gäbe es keinen Suwalki-Korridor mehr. Kaliningrad ist das Hauptquartier der russischen Ostseeflotte und ein Stützpunkt für russische nukleare Mittelstreckenraketen. Zudem handelt es sich um völkerrechtlich anerkanntes russisches Staatsgebiet. Um es mit einem US-amerikanischen Vergleich zu veranschaulichen: Es wäre so, als läge Pearl Harbor isoliert inmitten eines von China kontrollierten Gebiets. Die schrittweise Erweiterung der NATO seit 1989 auf Ostdeutschland, Polen, die baltischen Staaten, Schweden und Finnland hat die Ostsee zudem in ein NATO-Binnengewässer verwandelt. Moskaus Einflussbereich, der sich während des Kalten Krieges noch über die gesamte Ost- und Südküste erstreckte, ist heute auf Kaliningrad und St. Petersburg zusammengeschrumpft. Präsident Wladimir Putin und die russische Regierung haben kürzlich erklärt, dass Russland sollte die NATO Kaliningrad blockieren notfalls mit Atomwaffen reagieren werde; jeder Vertreter des russischen Establishments, mit dem ich gesprochen habe, äußerte sich in gleicher Weise. NATO-Generalsekretär Mark Rutte reagierte darauf mit jener süffisanten, selbstgefälligen Leichtfertigkeit, die zu seinem Markenzeichen geworden ist: Er nehme dies nicht ernst. Doch diese Drohung ist ernst zu nehmen. Moskau würde eine NATO-Blockade als direkten Kriegsakt betrachten. Hinzu kommt ein entscheidender Punkt: Da ein Großteil der russischen Armee in der Ukraine gebunden ist, fehlen Russland die konventionellen militärischen Mittel, um Kaliningrad gegen einen Bodenangriff zu verteidigen oder aber von Belarus aus anzugreifen, die polnische Armee zu besiegen und eine Belagerung zu durchbrechen. Vor der Invasion der Ukraine verfügte das in Kaliningrad stationierte 11. russische Armeekorps über eine Sollstärke von 12.000 bis 18.000 Soldaten, unterstützt von einer Brigade der Marineinfanterie. Berichten zufolge wurde jedoch ein beträchtlicher Teil dieser Truppen in die Ukraine verlegt und dort aufgerieben. Die polnische Armee verfügt über 100.000 Soldaten unter Waffen sowie 40.000 Reservisten und baut ihre Feuerkraft derzeit zügig aus. Das US-amerikanische Center for Naval Analyses stellt die Frage: Kaliningrad: Uneinnehmbare Festung oder russisches Alamo? Unter den Vertretern des russischen Establishments, mit denen ich gesprochen habe, herrscht daher die Auffassung, dass Russland im Falle einer NATO-Blockade umgehend ein nukleares Ultimatum stellen müsste und dieses innerhalb weniger Tage in die Tat umsetzen würde, sollte die NATO nicht einlenken. Es mag kaum vorstellbar erscheinen, dass die NATO-Staaten so leichtsinnig sein könnten, die enormen Risiken einer Blockade Kaliningrads in Kauf zu nehmen; doch tatsächlich gab es bereits zweimal Bestrebungen in diese Richtung. Im Juni 2022 kündigte Litauen an entgegen einer früheren Vereinbarung mit Russland , den Transit von Gütern, die den Sanktionen der Europäischen Union unterliegen, nach Kaliningrad zu untersagen. Dies betraf unter anderem Öl, Kohle, Metalle, Baumaterialien und Hochtechnologie nach Angaben der Regionalregierung von Kaliningrad entsprach dies etwa der Hälfte des Importbedarfs der Exklave. Nach scharfen russischen Vergeltungsdrohungen lenkte die EU ein und erklärte, dass die Sanktionen nicht für den Schienentransport gelten würden. Im Juni 2025 kündigte Schweden an, Kontrollen bei Schiffen der sogenannten russischen Schattenflotte nicht nur in schwedischen Hoheitsgewässern, sondern auch in der schwedischen ausschließlichen Wirtschaftszone durchzuführen. Zusammen mit den Zonen der drei baltischen Staaten deckt dies die gesamte zentrale Ostsee ab; die schwedische Ankündigung drohte somit, St. Petersburg zu blockieren und Kaliningrad auf dem Seeweg zu isolieren. Schweden und die baltischen Staaten ruderten jedoch stillschweigend zurück, nachdem Russland mit militärischen Eingriffen zum Schutz der Schiffe gedroht und ein russisches Kampfflugzeug entsandt hatte, um ein estnisches Patrouillenboot davon abzuhalten, einen Tanker zu entern. Es überrascht daher kaum, dass Moskau äußerst empfindlich auf die Möglichkeit reagiert, dass diese Strategie wieder aufgenommen werden könnte. Der polnische Außenminister Radek Sikorski erklärte erst im vergangenen Monat: Wir sollten unsere Konfrontation mit Russland nicht allein auf die Ukraine beschränken. Ich war erst vor drei Tagen in Lettland auf einem polnischen Stützpunkt wir haben dort eine Panzerkompanie , und auf der anderen Seite befinden sich keine Truppen. Wir beobachten die Exklave Kaliningrad, wie Sie sich vorstellen können, sehr genau. Dort gibt es kaum Truppen, sagte Sikorski. Mein Vorschlag ist, dass wir auf unserer Seite so offensiv Manöver abhalten, dass [Putin] sich nicht sicher sein kann, wie wir handeln werden und er gezwungen ist, Truppen aus der Ukraine abzuziehen. Das Ironische an dieser Aussage ist, dass genau zu dem Zeitpunkt, als Sikorski behauptete, Russland sei in der Ostseeregion so schwach, dass die NATO es ungestraft bedrohen könne, andere polnische Amtsträger vor einem drohenden russischen Angriff auf die NATO warnten mit dem Ziel, das Bündnis zu testen. Angesichts der blinden Rücksichtslosigkeit und Verantwortungslosigkeit solcher Äußerungen und Schritte ist es nur gut, dass Russland unmissverständlich klargestellt hat, welche Konsequenzen es hätte, wenn NATO-Staaten diese Drohungen tatsächlich in die Tat umsetzen würden. Westliche Analysten tun solche russischen Ängste oft als Paranoia oder als Ergebnis gezielter Manipulation durch die russische Regierung ab; doch ein kurzes Nachdenken über die eigene Haltung sollte ihnen eigentlich vor Augen führen, wie falsch und heuchlerisch dieser Vorwurf ist. Ein US-Sicherheitsapparat, der in Hysterie verfällt, sobald ein chinesischer Ballon über Amerika fliegt, ist kaum in der Position, anderen Paranoia zu unterstellen ebenso wenig wie europäische Sicherheitsvertreter, die sich von ein paar kleineren Brandstiftungen so sehr verunsichern lassen, dass sie erklären: Wir befinden uns bereits im Krieg mit Russland. Sollte der Westen Kaliningrad blockieren, könnte er erfahren, wie ein echter Krieg mit Russland aussieht. In alten allegorischen Darstellungen der Klugheit (Prudentia) hält diese oft einen Spiegel in der Hand. Dies symbolisiert ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbsterkenntnis, was wiederum zu Bescheidenheit und einem besseren Verständnis für andere führt. In unserem aller Interesse wäre es besser, wenn europäische Regierungen weniger Zeit damit verbringen würden, Russland lautstark zu provozieren, und stattdessen mehr Zeit darauf verwenden würden, ihr eigenes Handeln kritisch zu hinterfragen. |
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| erschienen am 23. Oktober 2026 auf > RESPONSIBLE STATECRAFT > Artikel | |||
| Anatol Lieven ist Direktor des Eurasien-Programms am Quincy Institute for Responsible Statecraft. Zuvor war er Professor an der Georgetown University in Katar sowie am Fachbereich für Kriegswissenschaften (War Studies) des Kings College London. | |||
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